Methodenkoffer

Der Inhalt dieses Methodenkoffers soll dem Anspruch nahekommen, verschiedene praktische Zugangsmöglichkeiten zu Kunstwerken aufgezeigt zu bekommen sowie Ideen geben, wie Grundlagen für sozialpädagogische Gespräche aus kunstpädagogischer Sicht gestaltet werden können. Hierdurch soll den Ziele entsprochen werden, den_die Teilnehmer_in auf dem Erkenntnisweg zum eigenen Ästhetikempfinden begleiten zu können und in seinem Status-Quo zu angemessen beistehen zu können.

INHALT:

1. KUNSTPÄDAGOGISCHE METHODEN ZUR PRAKTISCHEN ARBEIT AN/MIT KUNSTWERKEN
       1.1 WERKINTERPRETATION
       1.2 WERKBETRACHTUNG
       1.3 GESTALTUNGSANLEHNUNG
       1.4 INTERPRETATIONSREPRODUKTION
                1.4.1 TRANSFORMELLE WERKGESTALTUNG
                1.4.2 WERKERWEITERUNG
       1.5 WERKZERLEGUNG
                1.5.1 ELEMENTREDUKTION
                1.5.2 ELEMENTERWEITERUNG
                1.5.3 ELEMENTNEUKONTEXTUIERUNG
                1.5.4 WEHRLI-METHODE (ELEMENTNEUORDNUNG)

2. SOZIALPÄDAGOGISCHE METHODEN ZUR LEBENSWELTERKUNDUNG


1. KUNSTPÄDAGOGISCHE METHODEN ZUR PRAKTISCHEN ARBEIT AN/MIT KUNSTWERKEN

1.1 Werkinterpretation

Mithilfe von Werkinterpretationen werden Vermutungen angestellt, welche Motive hinter dem Werk eines Künstler_s stehen könnten. Da allein der Künstler_ weiß, was sein Werk aussagen soll, sind alle Äußerungen Vermutungen und demnach Interpretationen. 

Diese Interpretationen können nicht gewertet werden, da sie auf der subjektiven Wahrnehmnung beruhen und diese nicht gut oder schlecht, auch nicht richtig oder falsch, ist. Die Person die interpretiert, kann angehalten werden, zu versuchen, seine subjektive Wahrnehmung seinem Gegenüber nachvollziehbar zu erklären, sodass ein Perspektiventransfer stattfinden kann. 

Werke können in Zusammenhang mit dem Lebenskontext ihres Künstlers betrachtet werden. Diese Verbindung von Lebenskontext und Werk(-elementen) kann den Perspektiventransfer unterstützen und die subjektive Wahrnehmung des Einzelnen nachvollziehbar für andere Personen machen. Auch die Werkelemente in ihrem Zusammenspiel können als Grundlage für eine Werkinterpretation dienen. Als Werkelemente sind z.B. Szenerien, Figuren, Maße, Material sowie die Farbgebung zu verstehen. 

Aus diesem Verständnis einer Werkinterpretation ergeben sich verschiedene Interpreationsdimensionen. 


Die emotionale Dimension erfasst die Gefühle, die durch dieses Werk beim Betrachter_ ausgelöst werden. Jeder Betrachter_ reagiert anders auf ein Werk. Das Gefühl eines Betrachters_  kann nicht deckungsgleich zu dem Gefühl eines anderen Betrachters_ sein, da dort unter anderem in Hinblick auf Intensität unterschieden werden kann.

Die perspektivische Dimension benennt die möglichen Motive, die hinter dem Werk stehen und was durch dieses Werk bewirkt werden oder entstehen kann. Hier wird  die Perspektive des Künstlers_ eingenommen und überlegt, welches Motiv er mit seinem Werk, bezogen auf seinen Lebenskontext, verfolgt hat.

Die hypothetische Dimension beleuchtet welche möglichen Veränderungen durch dieses Werk enstanden sind oder hätten entstehen können.





Mögliche Fragestellungen zu den einzelnen Dimensionen lauten:

Emotionale Dimension
  • Welches Gefühl löst das Werk bei dir aus?
  • Wie intensiv sind die genannten Gefühle? Wann hast Du diese bereit einmal empfunden?

Perspektivische Dimension
  • Was wollte der Künstler_ wohlmöglich mit diesem Werk aussagen?
  • Wen wollte der Künstler_ mit diesem Werk ansprechen?

Hypothetische Dimension
  • Was hat dieses Werk zur Zeit seiner Entstehung bewirkt?
  • Was hätte dieses Werk zu einer anderen Zeit bewirken können?
  • Was hätte dieses Werk woanders bewirken können?
  • Wen könnte dieses Werk gegenwärtig ansprechen? 



1.2 Werkbetrachtung
Die Werkbetrachtung unterscheidet sich als Verfahren lediglich durch ihre Objektivität von der Werkinterpretation. Betrachtet wird das Werk in Hinblick auf ihre objektiv messbaren Elemente. Hierzu zählen u.a. die Feststellung von Größe, Gewicht, verwendetem Material und ggf. noch verwendeten Farben. Die Farben müssten für eine Werkbetrachtung jedoch in ihrer Codierung (Hexadezimalcodierung) bestimmt werden, da sie sonst auf der persönlichen Wahrnehmung beruhen und demnach nicht objektiv sind. 

Die Werkbetrachtung erfasst allein die objektiven, Daten des Werkes, die durch den_die Betrachter_in wahrnehmbar sind, wie z.B. Stilelemente, Maße, Farbgebung, Gewicht. 

Faktische Dimension
  • Welcher Künstler hat dieses Werk geschaffen?
  • Was siehst Du in diesem Werk?
  • Mit welchen Materialien wurde gearbeitet?
  • Welche Farben wurden verwendet?
  • Welche Maße hat das Werk?
  • Gibt es bestimmte wiederkehrende Muster in diesem Werk?
  • Welche Stilelemente sind im Werk zu finden?



1.3 Gestaltungsanlehnung
Jede_r Künstler_in besitzt ihren_seinen eigenen Stil. Dieser Stil ergibt sich aus immer wiederkehrenden Elementen in den Werken. In einer Gestaltungsanlehnung werden diese immer wiederkehrenden Elemente ausgelesen und dienen als Maßgabe für die Werkgestaltung.

→ Beispiel für eine Gestaltungsanlehnung nach Jon Burgerman
→ Beispiel für eine Gestaltungsanlehnung nach Joan Miró



1.4 Interpretationsreproduktion
Wird ein Werk kopiert, wird es reproduziert. Während dieser Reproduktion fließen eigene Ideen in das Werk mit ein, es wird verändert und somit interpretiert (lat. interpretatio "Auslegung", "Übersetzung", "Erklärung"). Je nach Grad der Interpretation bleibt ein Teil der ursprünglichen Elemente des Werkes erhalten, jedoch werden sie durch eigene Idee verändert. Es entsteht eine Interpretationsreproduktion.

Schritt 1: Auslese der hervorstechenden Werkelemente
Leitfrage: "Was macht das Werk unverkennbar?"

Die Elemente, die das jeweilige Werk unverkennbar machen - auch besonders machen oder auszeichnen -, werden ausgelesen. Hierzu zählen insbesondere Elementkompositionen, die die Szene des Werkes bestimmen oder die Elemente, die in Verbindung mit dem Titel des Werkes stehen.

Schritt 2: Übertragung der unverkennbaren Werkelemente
Leitfrage: "Wie kann ich die unverkennbaren Werkelemente originalgetreu übertragen?"

Die zuvor herausgearbeiteten hervorstechenden Elemente des ursprünglichen Werks werden übertragen. Je nach Grad der Interpretationsreproduktion können Elemente des ursprünglichen Werkes erhalten bleiben, sodass das ursprüngliche Werk in der Interpretationsreproduktion noch erkennbar ist oder das ursprüngliche Werk wird in seiner Gesamtheit interpretiert. Letzteres verhindert höchstwahrscheinlich eine Wiedererkennung des ursprünglichen Werkes in der Interpretationsreproduktion.

Schritt 3: Individualisierung der übrigen Werkelemente
Leitfrage: "Wie verändere ich die restlichen Elemente des Ursprungswerks?"

Die Werkelemente, die nicht als herausstechend und bedeutsam für die Wiedererkennung des ursprünglichen Werks gelten, werden durch den_die Künstler_In individualisiert, d.h. verändert, weggelassen oder ausgetauscht.

→ Beispiel für eine Reprointerpretation anhand von "Mona Lisa" Leonardo da Vinci, 1503-1506



1.4.1 Transformelle Werkgestaltung

Während einer transformalen Werkgestaltung wird ein bestehendes Werk in ein anderes Medium umgewandelt, beispielsweise eine Melodie in ein gemaltes Bild.



1.4.2 Werkerweiterung
In einer Werkerweiterung wird ein bestehendes Werk in seiner Gesamtheit als Ausgangspunkt für anschließende Gestaltung genutzt. Durch das Hinzufügen neuer Elemente, wie Farben oder Strukturen, wird das ursprüngliche Werk erweitert.




1.5 Werkzerlegung
In einer Werkzerlegung wird ein Werk in seine einzelnen Elemente zerlegt. Die Elemente werden durch den Betrachter selbst erfasst. Diese isolierten Elemente können als Grundlage für weitere Verfahren genutzt werden. Die Werkzerlegung stellt die Grundlage für die Elementreduktion, Elementerweiterung, Elementneukontextuierung sowie die Wehrli-Methode (Elementneuordnung) dar.



1.5.1 Elementreduktion
In der Elementreduktion wird ein bestehendes Werk auf eines seiner Elemente reduziert. Das alleinstehende Element bildet für sich ein eigenständiges Werk.



1.5.2 Elementerweiterung
In der Elementerweiterung bedient sich der_die Schaffende eines Elements eines bestehenden Werkes, welches er_sie als Ausgangspunkt für die Schaffung eines neuen Werkes nutzt.


Schritt 1: Auslese der Werkelemente 
Aus dem jeweiligen Werk werden nach bestimmten Prinzipien - beispielsweise Form, Farbe oder Szenerien - einzelne Elemente ausgelesen.

Schritt 2: Isolation der Werkelemente
Die jeweiligen ausgelesenen Werkelemente werden aus dem ursprünglichen Werk bzw. dessen Kopie herausgelöst.

Schritt 3: Erweiterung der Werkelemente
Die einzeln isolierten Werkelemente werden Ausgangspunkt für den gestalterischen Prozess und somit ein neuartiges Werk.

→ Beispiel für eine Elementerweiterung anhand von "Der Schrei", Edvard Munch, 1893




1.5.3 Elementneukontextuierung
Ein Werkelement wird neu kontextuiert, indem es aus dem ursprünglichen Werk, der ursprünglichen Komposition der Werkelemente, als Original isoliert wird und in ein bereits bestehendes anderes Werk eingesetzt wird. Das Werkelement ist nicht Ausgangspunkt der Gestaltung, sondern lediglich eine Ergänzung eines bestehenden Werkes.



1.5.4 Wehrli-Methode (Elementneuordnung)
Die Wehrli-Methode begründet sich auf Ursus Wehrlis Büchern "Kunst aufräumen Band I & II". Nachdem ein Werk in seine einzelnen Elemente zerlegt wurde, werden diese nach einem bestimmten Prinzip geordnet und in dieser Anordnung präsentiert. Diese Ordnungsprinzipien orientieren sich an Merkmalen wie Größe, Form oder auch Farbe.



 

2. SOZIALPÄDAGOGISCHE METHODEN ZUR LEBENSWELTERKUNDUNG